| Geschichte der Gattung Notocactus | Stand: 26/06/2005 |
von Stanislav Stuchlik
In der Literatur erschien der Artname des ersten Vertreters der heutigen Gattung Notocactus vor mehr als 17o Jahren, als HAWORTH 1819 den Cactus erinaceus beschrieb. Im Jahre 1825 beschrieb SPRENGEL den Cereus scopa, LEHMANN führt im Jahre 1826 den Namen Cactus / Echinocactus langsdorfii ein. Im Jahre 1827 folgten Lehmanns Beschreibungen des Cactus ottonis und Cactus linkii. Im gleichen Jahr beschrieben LINK und OTTO den Echinocactus tenuispinus und den Echinocactus orthacanthus. Die selben Autoren beschrieben auch Echinocactus polyacanthus, Echinocactus acuatus, Echinocactus sellowii und Echinocactus tephracanthus im Jahre 1828. Im Jahre 1830 beschrieben Link und Otto den Echinocactus tortuosus. In den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts vergrößerte sich die kleine Gruppe der heute als Notokakteen bezeichneten Pflanzen um weitere Namen: Echinocactus corynodes Otto 1833; sessiliflorus Hooker 1837, muricatus Otto 1837, tetracanthus Lemaire 1838, mammulosus Lemaire 1838, submammulosus Lemaire 1839, concinnus Monville 1839.
Nun folgte eine mehr als vierzigjährige Pause, bevor weitere Arten beschrieben wurden: Malacocarpus martinii Rümpler 1885, Echinocactus joadii Hooker fil. 1886, haselbergii F. A. Haage jun. 1886, concinnus var. tabularis Cels 1886, schumannianus Nicolai 1893, leninghausii K. Schumann 1895, pampeanus Spegazzini 1896, grossei K. Schumann 1899, nigrispinus K. Schumann 1899.
Das Werk Karl SCHUMANNS "Gesamtbeschreibung der Kakteen" 1898 ist für die Gattung Notocactus bedeutend. Zum ersten Male begegnen wir in einem Kakteensystem dem Namen NOTOCACTUS, welchen K. Schumann für die IX. Untergattung der Gattung Echinocactus mit folgender Definition verwendete: "Rippen niedrig, durch Querfurchen flach, selten mehr höckerig; Areolen meistens am Scheitel der Höcker; die Dornen gerade oder ein wenig gebogen; die Samenanlage fast immer beschuppt und mit Wolle, öfters mit Borsten; Südamerika."
Für die II. Untergattung verwendete Karl Schumann den Namen MALACOCARPUS mit der folgenden Beschreibung: "Körper kugelig, selten etwas verlängert; Blütenröhre kurz trichterförmig, stets sattgelb; Stempel rot; Samenanlage schuppenbedeckt, mit Wolle und Borsten; Frucht weich, Beere rosa oder rötlich; Brasilien."
Den Namen Notocactus leitete Karl Schumann aus dem Altgriechischen ab: notos = südlich, für die Bezeichnung der Verbreitungsgebiete.
Im Rahmen der IX. Untergattung Notocactus teilte K. Schumann ein: scopa, haselbergii, leninghausii, schumannianus, concinnus, muricatus, submammulosus, mammulosus, tabularis, ottonis, pampeanus. Außerdem kamen hier einige Arten vor, die wir heute nicht in die Gattung Notocactus einreihen.
Die II. Untergattung Malacocarpus enthielt 3 Arten: Echinocactus sellowii, corynodes, erinaceus. Dabei darf uns die kleine Anzahl der Arten nicht irreführen, denn jede von ihnen schloss eine Anzahl weiterer Namen als Synonyma ein.
N.L. BRITTON und J. N. ROSE reihten in ihrem Werk "The Cactaceae" 1920 alle Notokakteen zur Salm-Dyckschen Gattung Malacocarpus ein. Außer diesen fügten sie in die Gattung Malacocarpus noch einige Arten ein, die wir heute nicht zur Gattung Notocactus zählen: reichei, napina, pulcherrimus, catamarcensis, patagonicus, islayensis, straussianus, maasii, tuberisulcatus, curvispinus, mammilarioides, escayachensis. Es gab dann noch ein paar bis heute ungeklärte Arten in ihrer Auflistung, die wir heute zwar zu den Notokakteen zugehörig vermuten, von denen wir aber nur unzulängliche Kurzbeschreibungen kennen: z.B. Echinocactus intricatus und rotherianus.
Alvin BERGER reiht in seinem Werk "Die Kakteen" 1929 zu der Gattung Echinocactus die Untergattungen Malacocarpus und Notocactus. Zur Untergattung Malacocarpus stellt er: Echinocactus sellowii mit den Varietäten courantii, macracanthus, macrogonus, tetracanthus, martinii, turbinatus, Echinocactus corynodes, erinaceus, arechavaletai, langsdorfii, fricii, leucocarpus, kovarikii, pauciareolatus. Zur Untergattung Notocactus stellt er: Echinocactus scopa mit der Varietät candida, haselbergii, graessneri, leninghausii, schumannianus mit der Varietät nigrispinus, grossei, muricatus, concinnus, apricus, tabularis, floricomus, mammulosus, submammulosus, pampeanus, ottonis mit den Varietäten tenuispinus, tortuosus, paraguayensis, uruguayensis, linkii und brasiliensis.
K. KREUZINGER führt in seinem Werk "Verzeichnis amerikanischer und anderer Sukkulenten etc." 1935 unter den Posten 12 bis 20 die Übergangsgattung Malacocarpus mit folgenden Arten auf: MC arechavaletae, bezrucii mit der Form cristata, erinaceus, rubricostatus, sellowii, tetracanthus mit der Form cristata, vorwerkianus. In der Gattung Notocactus listet er folgende Arten als Posten 450 bis 476 auf:: Notocactus grossei, leninghausii, schumannianus mit der Form cristata, brasiliensis, floricomus mit der Form cristata, floricomus spinosissimus, mammulosus mit der Form cristata, mammulosus rubra, minimus, mueller-melchersii, mueller-moelleri, pampeanus, rubriflorus, submammulosus, velenovskyi, ottonis mit der Form cristata, ottonis brasiliensis, multiflorus, paraguayensis, schuldtii, tenuispinus, uruguayus. Zur Gattung Brasilocactus reiht er als Posten 422/423 ein: BC graessneri mit der Form cristata und BC haselbergii.
Mit dem Namen BACKEBERGS gelangen wir in die nicht ganz ferne Vergangenheit. In seiner sechsteiligen Monographie "Die Cactaceae", herausgegeben in den Jahren 1958 bis 1962, finden wir im III. Teil, der den südamerikanischen Kakteen gewidmet wurde, auch die Gattung Notocactus. In die Gattung Malacocarpus reiht Backeberg 13 Arten ein, dazu noch 2 Varietäten; in die Gattung Eriocactus 2 Arten; in die Gattung Notocactus 15 Arten und 14 Varietäten; in die Gattung Brasilicactus 3 Arten mit 1 Varietät. In seinem anderen Werk "Das Kakteen- Lexikon" aus dem Jahre 1970 erweitert er die Zusammenstellung der Gattung Brasilicactus um 2 Varietäten, die Gattung Notocactus um 1 Art und 7 Varietäten, und schließlich die Gattung Malacocarpus - jetzt schon Wigginsia PORTER genannt - um 3 Arten und 2 Varietäten. Mit Backeberg wird eine Epoche der Gattungsgeschichte abgeschlossen und eine weitere Epoche beginnt, die durch ein starkes Anwachsen der Artenzahl charakterisiert ist.
Die 6oer Jahre sind ein Umbruch in der Geschichte der Gattung, sie stellen gewissermaßen die "goldenen Jahre" der Gattung dar. Es kommt zu einer Flut von Neufunden, die praktisch bis heute anhält. Die Gattung Notocactus ist eine vielseitige Gattung, die weite Gebiete von Uruguay, Südbrasilien, teilweise auch von Paraguay und Argentinien besiedelt. Noch immer gibt es Gebiete, in denen die Vertreter der Gattung Notocactus wachsen, die noch nicht vollständig durchforscht sind, hauptsächlich im Süden Brasiliens. Die Neufunde der letzten Jahrzehnte kommen größtenteils aus diesen Regionen. Bei der Erforschung dieser Regionen und der Bereicherung unserer Sammlungen an neuen und schönen Pflanzen haben ihren großen Verdienst: Leopoldo Horst, Werner Uebelmann, Friedrich Ritter, Walter Rausch, Rudi Büneker sen., A.F.H. Buining, Dirk van Vliet und Hugo Schlosser. Später gesellten sich dazu: Alexander Arzberger, Francisco Stockinger, Eddie Waras, Antonio Gutierrez, Ari Delmo Nilson, Kurt-Ingo Horst, Werner Rudi Büneker und andere, die längere Zeit in der Heimat der Notos leben konnten. Von weiteren Europäern, die zu Expeditionen nach Südamerika fuhren, wollen wir die folgenden Namen nennen: Wolf-Rainer Abraham und Karl-Heinz Prestle. Eine weitere Reihe von Liebhabern fuhr in den letzten Jahren mehrfach zu Informationsreisen nach Südamerika in die Heimat der Notokakteen: Norbert Gerloff, Andreas Hofacker, Konrad Herm, Heinz Ruoff, Wolfgang Gemmrich und andere.
Jeder Notokakteensammler besuchte eine Reihe von Fundorten und machte eine nicht unerhebliche Zahl von Feldnummern. Viele Feldnummern verschiedener Sammler bezeichnen Pflanzen vom exakt gleichen Fundort. Die Zahl der Feldnummern ist inzwischen von einigen hundert zu einigen Tausenden angewachsen. Was das in der Praxis bedeutet ist klar: Niemand kann mehr ein alle Nummern umfassende Sammlung zusammentragen und kultivieren.
Nach dem heutigen Kenntnisstand ist A. V. Fric als Autor des Gattungsnamen Notocactus zu sehen. Seine Beschreibung wurde im Jahre 1928 in "Cacti the coming fashion" (Kakteen, die kommende Mode) publiziert.Pflanzen können sich nur solange vermehren, wie die Samen in Polstern von Moos oder Flechten keimen können.
Entwicklung der Gliederung
Wie bereits im vorigen Abschnitt erwähnt, begegnen wir dem Namen Notocactus in K. Schumanns Werk als IX. Untergattung Notocactus zum ersten Male. Für die II. Untergattung der Gattung Echinocactus verwendet K. Schumann den Salm-Dyckschen Namen Malacocarpus. A. Berger hielt Schumanns Gliederung ein und im Einklang mit ihm erkennt er die Gattungen Malacocarpus und Notocactus an.
Das System nach Fric und Schelle enthielt Vertreter der Gattung Notocactus unter dem Namen der Gattungen Malacocarpus, Brasilocactus und Notocactus. In die letzte Gattung, d.h. Notocactus wurde hier auch Eriocactus eingereiht. Die Beschreibungen lauteten wie folgt:
Malacocarpus S.D. 1849: Übergangsgattung mit weicher Frucht und Rest oder Keim eines Cephaliums. Verbindungsglied zu den Trichopericarpeae.
Brasilocactus Fric 1933: Frucht eine dünnwandige Beere mit dornigen Areolen.
Notocactus K. Schumann 1898/ Fric et Schelle 1931: flachkugelig bis kurzsäulig. Blüten gelb ( eine Ausnahme rot ) Frucht mit Wolle und Borsten. Eingeteilt in 4 Untergattungen: Cephalioideae, Mammulosi, Paucispini, undSetacei.
Curt Backeberg reihte die Notokakteen in 4 Gattungen ein: Brasilicactus, Eriocactus, Malacocarpus und Notocactus, deren beiden erste er selbst aufstellte:
BRASILICACTUS Backeberg: kugelige, bis breit kugelige Pflanzen, selten säulenförmig, mit sehr dünnen und feinen, meistens kurzen Dornen; dornige Blüten mit kurzer Röhre, Frucht mit feinen Dornen; äußere Blütenblätter ziemlich kurz, eng und spitzig; Blütenblätter rot oder grün; Griffel niemals rot.
ERIOCACTUS Backeberg. Körper im Alter deutlich säulenförmig; Scheitel im Alter mit reichlich Wolle, Blüten groß, sich breit öffnend, mit kurzer Röhre, Stempel gelb, Frucht kugelige Beere, sich basal öffnend; Samen zahlreich.
Die GATTUNG NOTOCACTUS teilt Backeberg in 2 Untergattungen nach den Unterschieden der Früchte ein:
NOTOCACTUS-Früchte fleischig, durch Risse in Längsrichtung sich öffnend.
NEONOTOCACTUS-Früchte verlängern sich, sie sind schwachwandig, teilweise kahl und unten zerfallend.
Im Jahre 1964 benennt D.M. PORTER die Gattung Malacocarpus in die Gattung WIGGINSIA um. Das war notwendig, weil der Gattungsname Malacocarpus schon früher für Pflanzen aus der Gattung Zypophyllaceae Fish et Mey 1843 benutzt wurde.
F. BUXBAUM erweiterte im Jahre 1967 die Gattung Notocactus mehr als je ein anderer Autor vor ihm. Nach Buxbaum schloß die Gattung Notocactus nicht nur die Notokakteen ein, sondern auch die bisherigen Gattungen Brasilicactus, Eriocactus und Malacocarpus. Die Gattung NOTOCACTUS wurde in der Auffassung von F. Buxbaum in die Untergattungen Neonotocactus, Brasilicactus, Eriocactus, Malacocarpus und Notocactus untergliedert. F. Buxbaum ordnete auch zwei Parodien der Untergattung Notocactus zu: P. brevihamata und P. alacriportana. Er hat die Beschreibungen der Gattung und der einzelnen Untergattungen sehr sorgfältig ausgearbeitet. Nach ihm hat nur Friedrich RITTER im Jahre 1979 ähnlich ausführlich begründet. F. Ritter definierte 1979 die Gattung Brasiliparodia, an den Gattungen Brasilicactus, Eriocactus, Wigginsia und Notocactus hielt er fest. Friedrich Ritter unterscheidet in der Gattung Notocactus 2 Untergattungen: Notocactus und Neonotocactus. Die UG Notocactus teilt er in 3 Gruppen ein.
K. H. PRESTLE veröffentlichte im Jahre 1980 ein System der Gattung Notocactus, in dem er die Arten in 14 Gruppen einteilte.
Im Jahre 1982 kombinierte Fred BRANDT einige Untergattungen der Gattung Notocactus in die Gattung Parodia um. An diese Arbeit schloß N. TAYLOR 1987 an, der weitere Arten und die ganze Gattung Notocactus zur Gattung Parodia umkombinierte, ohne diesen Schritt ausreichend zu begründen.
Die bisher letzte Arbeit zur Systematik der Notokakteen veröffentlichte PhMr. Radim HAVLICEK im Jahre 1989, als er seinen eigenen Konspekt der Gattung mit Einteilung in Reihen publizierte. Man muß erwähnen, daß dieser Autor die erste Arbeit mit der systematischen Einteilung der Gattung Notocactus schon im Jahre 1976 veröffentlichte, so daß zum Beispiel die Einteilung der Gattung durch G. Schäfer eine Modifikation des ersten Konspektes von R. Havlicek darstellt. Die Gliederung aus dem Jahre 1989 ist ein neustrukturierter Versuch auf Grund neuer Erkenntnisse.
Im Jahre 1991 veröffentlichte Otakar SIDA eine berichtigte Gliederung der Gattung Notocactus. Er benutzt für die Untergattung mit der Typusart N. ottonis erneut Backebergs Namen "Gymnocephalus".
Mit der dauernd anwachsenden Anzahl von Neufunden von Arten der Gattung Notocactus wächst auch die Kompliziertheit der Systeme, die sich bemühen, die Verwandtschaftsbeziehungen zu erklären. Jedoch die Natur hält nicht viel von noch so raffinierten Systemen, die sich der Mensch ausdenkt, und bietet ständig genügend Beweise über deren Unvollkommenheit, die sich darin kundtut, daß manche Neufunde nicht mehr in existierende Systeme eingegliedert werden können und man zum Aufbau eines neuen Systems gezwungen ist.
Die Natur braucht keine Schachteln - dies ist nur das Vorrecht des Menschen, sprich des Kakteensammlers, der jeden Kaktus benannt und eingereiht haben will. Deshalb entspricht jedes System der Zeit, in der es entstanden ist. Es hängt auch davon ab, wie der persönliche Zugang des Autors ist, der auf Grund der von ihm ausgesuchten Merkmale das System erarbeitet. Man kann von keinem System behaupten, daß es ideal sei, denn jedes System hat Vorteile und Schwächen. Nur eine Sache ist ganz offensichtlich: Kein System kann endgültig sein!